Sonntag, 13. Juli 2014

Schreiblust

Quelle


Der Doktor (über Dora Diamant und Franz Kafka)


Müritz.
Ihre Mäntel verströmen die Feuchtigkeit des Regens und ein wenig die der See.

Es ist wie am erstem Tag der Schöpfung.
Sehen. Fühlen.
Für gut empfinden ist viel zu wenig.

Sie ist noch spät gekommen.
Und wie gesagt, ihre Mäntel, die im Zimmer am Haken hängen, verströmen noch den feuchten Dunst vom Meer, vom Sand, vom Wald, durch den sie so oft gewandert sind.
Zum letzten Mal an diesem Nachmittag, der eine Ewigkeit weit weg scheint.

Aber nun ist sie hier.
Und er riecht an ihr.
Streicht über den zitternden Nacken.

Du kannst nicht abreisen, flüstert sie.
Ich werde sofort aus Berlin telegrafieren, sagt er.
Und Zeitungen kaufen.
Mich ins Hotel setzen.
Und ein Zimmer suchen.

Halb eins in der Nacht geht sie.
Der Doktor schläft wider erwarten tief und fest.
Das erste Mal seit so langem.
Die Krankheit scheint sich zu verstecken.
Und Berlin wird realistisch.

Das Jahr mit Dora.
In einem grünen Viertel.
In der Zeit, wo die Geldscheine größer als Schreibblöcke sind.

Dora. Das Mädchen aus der Küche.
Aus der Küche bei den Kinder in der Kolonie.
Das Mädchen aus dem Osten, vertrieben.

Die ihm Hebräisch vorliest.
Es wird nur ein Jahr sein.

by gh 2014



            Dora Diamant und Franz Kafka

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